Superwahljahr 2011 – Und alle gegen Erdoğan

Der türkische Ministerpräsident spricht in Düsseldorf ein paar Dinge an, die eigentlich längst alle wissen. Doch statt Zustimmung erntet er Gegenwind von deutschen Politikern – ob das mit den bevorstehenden Landtagswahlen zu tun hat?

Nun kann man über Recep Tayyıp Erdoğan lange streiten und ihm vieles vorwerfen. Unter anderem, dass Christen in der Türkei nach wie vor diskriminiert werden. Andererseits hat er den Weg für kurdischsprachigen Rundfunk frei gemacht. Dies alles soll heute aber nicht zur Diskussion stehen, stattdessen wollen wir uns auf die Eckpunkte seiner Rede konzentrieren.

Drei seiner Kernaussagen werden derzeit heftig diskutiert. Erstens: Es gibt in Deutschland eine Islamfeindlichkeit, die tief in der Gesellschaft verankert ist. Zweitens, wörtlich: „Niemand darf die Rechte von Minderheiten ignorieren“. Minderheiten sollten sich demnach integrieren, aber keineswegs assimilieren, also vollständig angleichen. Drittens: Die deutsche Sprache spiele für Türken in Deutschland eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu gesellschaftlicher Teilhabe und wirtschaftlicher Chancengleichheit. Zuerst sollten türkische Kinder jedoch die Muttersprache der Eltern lernen.

An keiner der drei Aussagen ist etwas zu kritisieren. Dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland in der politischen Mitte angekommen ist, ist spätestens seit der fulminanten Zustimmung für Thilo Sarrazin nicht mehr von der Hand zu weisen. Die zweite Aussage lässt da schon eher aufhorchen: Gerade die Türkei ist doch in letzter Zeit nicht unbedingt durch einen vorbildlichen Umgang mit denjenigen Gruppen aufgefallen, die vom ethnischen, sprachlichen oder kulturellen Mainstream abweichen. Insbesondere die kurdische Bevölkerung stand – und steht – unter einem enormen Assimilationsdruck. Umso erstaunlicher ist diese Aussage von Düsseldorf: Integration ja, Aufgabe der eigenen Identität nein. Deutschland könnte diese Vorlage annehmen, mit gutem Beispiel vorangehen und den türkischen Ministerpräsidenten in Zukunft an diesen, seinen eigenen, Ansprüchen messen. Solche Bestrebungen sind jedoch derzeit nicht ansatzweise auszumachen.

Die dritte Aussage wird am heftigsten kritisiert, obwohl sie eigentlich die banalste ist: Migrierte Eltern sollten ihren Kindern zunächst die eigene Muttersprache weitergeben. Eigentlich ist das klar: Warum sollten Eltern auch mit ihren Kindern in der deutschen Sprache kommunizieren, die sie selbst nicht richtig beherrschen? Kein klar denkender Mensch würde das fordern! Danach, freilich, lernt das Kind die Sprache des Ziellandes so früh und so gut wie möglich. Die Eltern sollten dies so gut wie möglich fördern. Aber es liegt auch am deutschen Staat, dafür ausreichen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Kostenlose Kita- und Kindergartenplätze wären ein Ansatz. Doch stattdessen verschiebt man lieber die eigene Verantwortung an die türkischen Eltern weiter. Kostet halt weniger.

Dabei ist es wissenschaftlich längst erwiesen, dass ein menschliches Gehirn von Anfang an „Platz“ für mehr als nur eine Sprache hat. Dieser Platz wird in Deutschland viel zu oft verschenkt, viele „Kinder mit Migrationshintergrund“ können ihre ursprüngliche Muttersprache nicht richtig. Hier müsste man anpacken. Der Vorschlag, türkische Gymnasien zu errichten, geht genau in die richtige Richtung. Übrigens: Allein in Istanbul gibt es meines Wissens mindestens drei deutsche Gymnasien.

Schon länger, auch in Merkels Integrationsplan, werden öffentlich die Chancen der Mehrsprachigkeit betont. Geschehen ist bisher nichts. Aber warum gibt es diese öffentliche Aufregung über den Vorschlag, türkische Gymnasien zu errichten, während allein in Istanbul mehrere deutsche Gymnasien erfolgreich arbeiten? Warum die Kritik (vor allem natürlich von Union und FDP) an der Ablehnung von Assimilation, am Bewahren der Muttersprachen?

An all dem gibt es eigentlich nichts auszusetzen, es sei denn, man will die Ansätze rechten Gedankenguts, die in der Mitte der deutschen Gesellschaft existieren, in Wählerstimmen umsetzen. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen (insbesondere Merkels Schicksalswahlen in Baden-Württemberg) ist dieses Manöver nachvollziehbar. Gut für das gesellschaftliche Klima im Kontext kultureller Vielfalt ist es nicht.

Ein weiterer Einwand geht übrigens so: Erdoğan hätte kein Recht, sich hier einzumischen. Aber es ist durchaus legitim, wenn der türkische Ministerpräsident vor türkischen Staatsbürgern spricht. Im Düsseldorfer Publikum waren viele, die ihr Wahlrecht in der Türkei ausüben. Deutschland ist der viertgrößte türkische Wahlkreis nach Istanbul, Ankara und Izmir. Warum sollte deren Staatsoberhaupt keine Rede vor ihnen halten? Ich sehe keinen Grund.

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Über Phil
Involviert und engagiert in Fürth

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