Gorleben – Protest am falschen Ort

Warum ausgerechnet Gorleben? Diese Frage stellen sich wohl hunderte Menschen aus dem Wendland, die nicht verstehen können, warum ausgerechnet ihr schöner Landstrich mal wieder von strahlendem Müll und Heerscharen von DemonstrantInnen, PolizistInnen und JournalistInnen heimgesucht wird. Die Frage ist berechtigt, denn ob Gorleben wirklich der geeignete Standort für Atommüll ist, darf bezweifelt werden.

Sei’s drum, der strahlende Abfall lagert in Gorleben schließlich nur zwischenzeitlich in einer Kühlhalle. Das letzte Wort ist also noch lange nicht gesprochen und die Anzeichen mehren sich, das nach der nächsten Bundestagswahl auch an anderen Standorten nach einem Endlager gesucht wird. Derzeit handelt es sich bei Gorleben jedenfalls nur um eines von mehreren Zwischenlagern für alte Brennstäbe. Die Castoren lagern dort lediglich in einer Halle, um auszukühlen, wie an einigen anderen Standorten auch. So gefährlich und unangenehm das sein mag, es ist an vielen Orten der Fall.

Sollten die Tausendschaften nicht eher die Eingänge der AKWs blockieren?

All diejenigen, die derzeit den Castortransport blockieren, muss man also fragen: Warum ausgerechnet Gorleben? Warum demonstriert ihr gegen die vorläufige Entsorgung bereits entstandenen Strahlenmülls an diesem Ort? Warum nicht gleich gegen seine Entstehung (und an den Orten seiner Entstehung)?

Rollen wir die Sache mal von vorne auf: Ich als erklärter Atomkraftgegner bin der Meinung, dass diese Technologie unnötig, dazu übermäßig teuer und gefährlich ist. Eines der wichtigsten Argumente gegen Atomkraft ist gewiss der strahlende Müll. Nur: Die Gefahr für Leib und Leben beginnt im Moment der Anreicherung des Urans und nicht erst beim Transport in die Zwischenlager. Diesen Moment gilt es zu verhindern. Wäre es angesichts dessen nicht sinnvoller, sich an den Lieferanteneingang eines AKW zu Ketten, wenn mal wieder eine Ladung Uran aus russischen Bergwerken ankommt? Sollten dieser Tage nicht eher zehntausende Menschen vor der Zentrale von RWE stehen, oder vor dem Kanzleramt, also genau dort, wo die entsprechenden Entscheidungen getroffen werden?

Jürgen Trittins seltsamer Meinungswandel

Jetzt, da die Brennstäbe schon mal strahlen, muss man sie doch an einen wenn schon nicht sicheren, dann wenigstens dünn besiedelten Ort bringen. Eine Atomkraftgegnerin aus Niederbayern kann doch eigentlich um jeden Brennstab froh sein, der in Gorleben gelagert wird und nicht in Niederbayern. Wer gegen den Castortransport ist, muss auch Alternativen anbieten. Wohin sonst mit den alten Brennstäben?

Da diese Frage niemand beantworten kann, hat Jürgen Trittin 2001 folgerichtig den Protest gegen Castortransporte als falsch bezeichnet. Dass zu diesem Zeitpunkt der Atomkonsens noch stand, ändert nichts daran, dass seine damalige Argumentation noch heute gilt: Die Transporte seien „rechtlich unabweisbar“ und „nicht zu vermeiden“. Umso verwunderlicher, dass er heute zum Protest gegen den gleichen Transport aufruft.

Ich habe nichts gegen Anti-Atomkraft-Proteste, im Gegenteil: Ich habe selbst schon Flugblätter verteilt und mit unzähligen Menschen über dieses Thema geredet. Gorleben ist aber meiner Meinung nach der falsche Ort für solch einen Protest. Und bei allem Respekt für seine Verdienste: Mein Parteifreund Jürgen Trittin muss sich fragen, was er unter Glaubwürdigkeit versteht.

UPDATE: Wenige Stunden nach Erscheinen dieses Blog-Eintrags bezweifelt auch Zeit Online die Wirkung von Protest an der falschen Stelle. Zitat: „[Der Widerstand] spielt auf dem falschen Feld. Das wahre Problem sitzt im Kanzleramt.  […] 50.000 bis 100.000 aber waren im September schon einmal im Regierungsviertel. Sie wussten: Im Zentrum der Macht gibt es mehr zu verändern.“

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Über Phil
Involviert und engagiert in Fürth

11 Responses to Gorleben – Protest am falschen Ort

  1. Ganzspontan says:

    Deine Frage „Warum ausgerechnet Gorleben?“ scheint mir schon im Ansatz zu eng gestellt.

    Müsste es nicht vielmehr heißen „Warum ausgerechnet der Castor-Transport von LaHague nach Gorleben?“

    Und hast Du damit nicht schon Deine Antwort?

    • Phil says:

      Habe die Frage ja selbst spezifiziert. Gorleben steht stellvertretend für den Transport an sich. Die These war: Ist der Atommüll mal entstanden, ist gegen Castortransport ist nichts einzuwenden. Deshalb auch: Protest ja, aber am falschen Ort.

      Bist du damit nicht einverstanden?

      • Ganzspontan says:

        Inhaltlich kann ich Dir ja folgen.

        Doch von der Protestwirkung her sind 1200km mit Dutzenden von Protest- und Widerstandsveranstaltungen über mehrere Tage nun mal etwas Anderes als eine Stunde Händchenhalten auf den 120km zwischen Brunsbüttel und Krümmel oder die 120 Meter vor der Einfahrt eines AKW, wo nach einmaliger Räumung auch schon wieder alles gelaufen wäre.

        Oder sehe ich das falsch?

  2. Phil says:

    Die Medienwirkung ist sicher größer, nur inhaltlich sinnvoll, glaubwürdig oder konsequent ist der Protest deshalb noch lange nicht.
    Die Frage ist dann: Wie weit will man seinen eigenen Protest inhaltlich entleeren, um die größtmögliche mediale Wirkung zu erzielen?
    Eine zweite Frage wäre: Wie häufig können sich Spitzenpolitiker selbst fundamental widersprechen, ohne sich selbst zu diskreditieren?

  3. buch leser says:

    Jetzt wird es spassig. Ich bin mal auf die Bilder im TV gespannt. Ganze Herden von Schafen und Ziegen haben eine Straße nahe dem Zwischenlager blockiert. Am Nachmittag seien rund 2000 Schafe sowie 50 Ziegen auf die Landstraße zwischen Gorleben und Laase gelangt. Wenn die Polizisten die Schafe wegtragen, das wird sicher ein Erlebnis für uns als Zuschauer.

  4. Klaus says:

    „Doch von der Protestwirkung her sind 1200km mit Dutzenden von Protest- und Widerstandsveranstaltungen über mehrere Tage nun mal etwas Anderes als eine Stunde Händchenhalten auf den 120km zwischen Brunsbüttel und Krümmel“
    Eben. Um zu verhindern, dass – beim gegenwärtigen Stand der Forschung – für Millionen Jahre Fakten geschaffen werden, ist es sehr sinnvoll, sich an dem Ort, den Politik nun mal ausgesucht hat, alljährlich zu SAMMELN.

  5. Raimund says:

    Ein guter Vorschlag! Man sollte den Protest auf jeden Fall zu den Verursachern der Atomproblematik tragen, d.h. zu Angela Merkel und ihrer Atompartei und zu den Atomkraftwerken selbst!!
    Es sollte ja möglich sein, herauszufinden wann Lieferungen mit Brennstoffen in die AKWs kommen. Über das Internet könnte man dann schell viele Menschen mobilisieren, um die Lieferungen aufzuhalten und auf sie aufmerksam zu machen!
    Allerdings finde ich den Protest im Wendland ebenfalls für sinnvoll:
    1. Er ist sehr Medienwirksam
    2. Er zeigt Solidarität mit den Menschen die dort von dem Atommüllproblem betroffen sind

  6. Alex Gauert says:

    Greenpeaces Argumentations ist hier nach Verursacherprinzip zu sagen, zurück mit den Müll zu den AKWs sollen sie doch ihren Müll lagern, bis es ein Endlager gibt.

    • Phil says:

      …was ja auch mittlerweile gemacht wird mit neuem Atommüll.
      Aber keiner der Demonstranten (die Greenpeacer eingeschlossen) erhofft sich wohl ernsthaft, der Castor würde umdrehen und zurück fahren, oder?
      Wäre ja auch nicht unbedingt besser.

  7. Eidgenosse says:

    Für uns Schweizer ist dieser extreme Protest gegen die Castor- Transporte schlicht unverständlich. Auch in der Schweiz wird Atomstrom erzeugt, ebenso kennen wir die Nuklearmedizin sowie Forschungsreaktoren. In diesen Bereichen arbeiten auffallend viele Deutsche, die mit Wissenschaft und Technik anscheinend kein Problem haben.
    In der ganzen Welt werden neue Kernkraftwerke geplant und gebaut, nur in Deutschland ist alles anders. Dabei gehören die deutschen Kernkraftwerke doch zu den besten der Welt.
    Bei uns können weder Politiker noch Demonstranten einen Atomausstieg erzwingen; das letzte Wort hat immer noch das Volk, dass Ausstiegsideen immer wieder eine klare Abfuhr erteilt, wie zuletzt am 18. Mai 2003, als wir die Ausstiegsinitiativen deutlich verwarfen!

    • Phil says:

      Ja, ja, die Schweiz macht alles besser. In vielen Bereichen stimmt das ja wohl (z.B. Schienenverkehr, Demokratie), aber hier bin ich mir nicht so sicher.
      Eine Studie der CitiBank hat bekanntlich ergeben, dass Atomkraft nicht wirtschaftlich ist und kein einziges Kraftwerk gebaut würde, wenn nicht die Steuerzahler dieser Welt einen Großteil der Kosten und Risiken übernähmen. Das ist der andere Teil der Behauptung „In der ganzen Welt werden AKWs gebaut“, den man nicht vergessen darf.
      In Deutschland, da bin ich mir sicher, würde ein Volksentscheid anders ausgehen. Und das ist dann vielleicht doch ein Verdienst der Proteste in Gorleben?

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